Blog YES Meditation

„Müßiggang ist aller Laster Anfang“, sagt der Volksmund. Also muss man etwas dagegen tun, sagen wir uns und trainieren auch noch nachts in Fitnessstudios, die rund um die Uhr geöffnet haben, weil wir tagsüber keine Zeit dafür finden. Gelegentlich joggen wir bei Dunkelheit durch Innenstädte und suchen jene Supermärkte, die bis in die Nacht hinein offenhalten, oder fahren in Einkaufszentren zum „Midnightshoppen“. Auch die Nacht wird uns zum Tag, bloß keine Zeit für Laster aufkommen lassen! Und so beschleunigt sich unser Leben immer mehr, wir sind rund um die Uhr erreichbar und „always on“.

Was haben wir nicht für schöne neue Fähigkeiten erworben, die uns alles immer schneller „erledigen“ lassen – wir, die Meister des Multi-Tasking! Gleichzeitig müssen wir uns aber auch beinhart entspannen, am besten mit fernöstlichen Praktiken wie Yoga oder dem deutschen Pilates, in exklusiven Wellnesstempeln „neue Kraft tanken“, damit unsere Motorik runder läuft, und mit dem Blackberry auf „Schweigeurlaub“ ins Kloster gehen.  Unsere „Zeiteinteilung“ führt zu Extremen, die einander perfekt zu ergänzen scheinen. Wochenlang rackern wir uns ab und hetzen von Termin zu Termin, um dann drei Tage lang gar nichts zu tun. Dass das auf Dauer nicht gut geht, ist uns zwar bewusst, doch haben wir einfach keine Kraft, daran etwas zu ändern. So setzen wir uns sogar noch beim Entspannen unter Druck. Schließlich haben wir dafür auch nur eine genau bemessene Zeit, also muss sich das einfach aus- gehen: Entspann dich jetzt, morgen beginnt wieder der Stress! Auf die Frage „Wie geht’s?“ antworten wir nicht ohne gewissen Stolz (so wichtig sind wir!) mit „Danke, bin im Stress!“. Denn im Stress zu sein gehört zum guten Ton. Wer etwas leistet und dazugehören will, muss im Stress sein. Stellen Sie sich vor, jemand würde auf die Frage mit „Danke gut, ich war den ganzen Tag faul …“ antworten. Hat der seine Zeit gestohlen?

Die Biochemikerin und Bestsellerautorin Inge Hoffmann sieht es anders. Sie beschreibt in ihrem Buch Lebe faul, lebe länger – warum sich Müßigkeit lohnt, dass unser Lebens- tempo bestimmt, wie schnell unser Organismus dem Zahn der Zeit er- liegt. Je mehr unser Stoffwechsel arbeiten muss – vor allem je mehr er gegen die eigene „Betriebsanleitung“ arbeiten muss –, desto stärker nützt er sich ab. Wir kennen das beim Auto: Je mehr und schneller wir fahren, desto schneller geht es kaputt. Auf uns bezogen heißt das: Je mehr Stressfaktoren wir in kurzer Zeit verkraften müssen, desto geringer wird unsere körperliche und psychische Anpassungsfähigkeit. Kurzfristig ge- sehen überbrücken Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol die Erschöpfung des Kör- pers. Ihre Ausschüttung versetzt uns zunächst sogar in einen rauschähnlichen Zustand. Adrenalin aktiviert die körpereigenen Reserven und den Stoffwechsel und regt den Kreislauf an. Dadurch sind wir kurzfristig zu Hochleistungen imstande und verdrängen das Gefühl für die eigenen Grenzen. Noradrenalin schärft unsere Sinne, und Kortisol bringt unter anderem auch Schmerzen zum Abklingen. Wir gewinnen den Ein- druck, als könnten wir immer mehr in immer kürzerer Zeit schaffen.
Im Gehirn entsteht sogar eine Art Sucht nach dem „Stress-Hoch“.

„Je langsamer man lebt, desto weniger Lebensenergie wird verbraucht“, schreibt Inge Hofmann in ihrem Buch. Viele von uns fühlen sich durch den beruflichen Alltag ausgelaugt – obwohl unsere Arbeitszeit heute viel kürzer ist als noch vor etwa vierzig Jahren. Arbeitsmediziner erklären dieses Phänomen mit einer neue Zeitrechnung, dem „Web-Jahr“. Wer ein Jahr im Internetzeitalter „vernetzt“ arbeitet, zum Beispiel täglich mit überfüllten elektronischen Postfächern konfrontiert ist, setzt sich einer Belastung von drei „traditionellen“ Arbeitsjahren aus.

Wie aber kommt man aus der Stress-falle heraus? Wie teilt man seine Zeit so ein, dass man die nötige Erholung bekommt? Vor allem dann, wenn alle anderen weiterarbeiten und man um seinen Job bangen muss?

Erst einmal tief durchatmen. Es gibt nämlich eine gute Nachricht: Derzeit setzt sich in unserer Arbeits- welt die Erkenntnis durch, dass der Umgang mit den eigenen Kraftreserven die beste Voraussetzung für Er- folg ist. Die Verantwortlichen großer Unternehmen setzen Seminare mit Titeln wie „Luft holen“ oder „Chill out“ für ihre Mitarbeiter an. In den USA hat man sogar schon einen Namen für die Anhänger des neuen Managementverständnisses erfunden: die „Slobbies“: „Slowly but better working people“, also langsamer, aber besser arbeitende Menschen. Doch selbst wenn Müßiggang im Trend liegt – aus der Zeitfalle findet man nur selbst heraus. Wer an Über- lastung leidet, sollte sich als Erstes einmal fragen: Mache ich mir den Zeitdruck selbst oder kommt er von außen?

Den Unterschied zwischen „Was muss ich tun?“ und „Was möchte ich tun?“ herauszufinden ist nicht leicht, da man oft das Gefühl hat, „fremdbestimmt“ zu sein – und dann noch dieses schlechte Gewissen, irgendetwas oder irgendjemanden zu vernachlässigen … beim Zeitmanagement geht es da- rum, das eigene Tempo zu finden. Also nicht gleich eine Vollbremsung hinlegen und alle Termine absagen. Auch die Aufgaben an andere zu delegieren, ist nicht das Ziel. Arbeiten kann ja auch Spaß machen, genauso wie Freunde treffen oder etwas zu erledigen, das man schon sehr lange aufgeschoben hat. Inge Hoffman nennt einen guten Selbstversuch für den Einstieg: Einfach neben Arbeits- und Freizeitterminen auch „Faulheitstermine“ oder freie Zeit als „Puffer“ für Unerwartetes oder Spontanes im Terminkalender eintragen. Dabei einfach eine Faustregel bei der Einteilung beachten: Nach etwa 120 Minuten Aktivität brauchen Körper und Geist zwanzig Minuten Pause zur Regeneration. Jetzt aber nicht gleich wieder Druck aufbauen und den Tagesablauf straff durch- organisieren! Einzelne ausgefallene Pausen lassen sich kompensieren – nur wenn man über längere Zeit ganz auf Pausen verzichtet, kann das zu einem körperlichen oder seelischen Zusammenbruch führen. Oft reicht zum Entspannen schon der Blick aus dem Fenster oder auf das Foto vom letzten Urlaub. Wichtig ist es auch, klare Prioritäten zu setzen. Dabei sollte man sich die Latte nicht zu hoch legen, sonst ist man schnell frustriert. Einfach den Tag etwas spontaner angehen – flexibel bleiben, wenn sich etwas im Ablauf ändert, und sich auch einfach zugestehen: „Jetzt reicht’s, ich gehe für 15 Minuten spazieren!“ Die einzige Regel, die man bei seiner persönlichen Zeiteinteilung beherzigen sollte, stammt vom Neuropsychologen Moshé Feldenkrais (1904–1984). Sie gilt den „Slobbies“ als Erfolgsrezept: „Wenn man weiß, was man tut, kann man tun, was man will.“

Dieser Artikel ist 2011 im VISA Magazin Österreich erschienen.